Der West Highland Way in 7 Tagen – Erfahrungsbericht

Lesedauer: 10-15Min

Reisezeit: 27.08.18 – 02.09.18 // Länge: 154Km // Regentage: 0,7 // Temperaturen: 15-18°C


Berichte über den berühmtesten Fernwanderweg Schottlands, den West Highland Way, gibt es zuhauf. Dennoch, jeder macht seinen ganz eigenen individuellen Erfahrungen. Der höchste Berg Schottlands ist 1345m hoch. Das klingt, im Vergleich zu alpinen Regionen der Welt, relativ gering. Und auch bei unseren Recherchen bevor die Reise losging, erwischte ich mich dabei, wie ich anfing, die Beschreibungen in einigen Blogs und Foren über das „Hochgebirge“ Schottlands, zu belächeln. Es kamen sogar Sorgen auf, dass wir eventuell unterfordert sein oder Langeweile auftreten könnten. Zur Sicherheit planten wir also noch den East Highland Way mit ein, der praktischerweise dort beginnt wo der WHW endet; nämlich in Fort William. Und meine Güte, mit 132km ist der Weg sogar 22km kürzer als sein großer Bruder. Wird also easy zu schaffen sein… dachten wir. Und dann kam alles ganz anders – zum Glück.


Wie eben schon erwähnt, Berichte über den West Highland Way, Anfahrt- und Übernachtungstipps, Packlisten, etc. gibt es im Internet en masse. Damit möchte ich dich hier jetzt nicht langweilen. Lediglich eine Packliste und ein paar Outdoor-Tipps halte ich für sinnvoll und werde sie dir in einem gesonderten Beitrag mit auf den Weg geben. Hier geht es aber vor allem um unsere Erfahrungen auf dem WHW!

Am Ende des Beitrags findest du eine Liste mit nützlichen Links, die uns bei den Vorbereitungen für den WHW geholfen haben.


Unsere Etappen:

Quelle: www.mickledore.de

Tag 1: Milngavie nach Drymen (Garadhban Forest): 23 km

Tag 2: Drymen nach Lochan Maol Dhuinne: 19,5 km

Tag 3: Lochan Maol Dhuinne nach Creag an Fhithich: 17 km

Tag 4: Creag an Fhithich nach Auchtertyre: 23,5 km

Tag 5: Auchtertyre nach Victoria Bridge: 20 km

Tag 6: Victoria Bridge nach Kinlochleven : 28 km

Tag 7: Kinlochleven nach Fort William: 23 km

 

 


Tag 1: Milngavie – Drymen, Garadhban Forest (23Km) 

Übermenschliche Gastfreundschaft

8:00 Uhr. In einem nicht nennenswerten Hostel in Glasgow, in einem noch weniger erwähnenswerten Vierbett Zimmer mit furchtbar kreischenden Stockbetten, deren klapprige Konstruktion einem bekannten multinationalen Einrichtungskonzern entsprungen sein muss, schälen wir uns wie gerädert aus unseren Schlafsäcken. Noch ist nichts zu spüren von der so hochgelobten Fernwanderweg-Romantik, dennoch wächst die Aufregung mit jedem gesichteten Rucksacktouristen, der uns auf dem Weg zum nahegelegenen Bahnhof, begegnete. Eingedeckt mit drei Gaskartuschen (wer weiß, wann und ob wir jemals wieder auf Zivilisation stoßen) stehen wir am Ticketschalter und werden vom aktivsten Ticketverkäufer Schottlands bedient. Den West Highland Way hat er schon hinter sich, und jetzt da er Frau und Kinder hat, läuft er jeden Tag 10 Meilen zu Arbeit, das genügt. Ungläubig freuen wir uns mit ihm und machen uns mit dem nächsten Zug schnell auf den Weg in das 15Km entfernte Milngavie (spricht jeder falsch aus), der offizielle Startpunkt unserer Fernwanderung.

Begeistert stürzen wir uns in die ersten 5 Km durch den Mugdock Wood, vorbei an knorrigen alten Bäumen, Moorgräsern und vergnüglich dreinschauenden Hundebesitzern, von denen es keiner, wirklich keiner erwarten kann zwei deutsche Rucksacktouristen in ihrem Vereinigten Königreich im Auftrag Ihrer Majestät begrüßen zu dürfen. Zwischen Kilometer 6 und 7 läuft man entlang einer Landstraße (B821). Versüßt wird das kurze Teerstück durch eine Reihe von saftigen Brombeerbüschen, was in den Highlands, wie sich später für uns herausstellte, keine Seltenheit sein sollte. Mit strahlenden, weit geöffneten Kinderaugen stopfen wir uns die Münder voll mit Brombeeren und sind überrascht von unserer eigenen Kühnheit, noch ein wenig mehr für’s Frühstück am nächsten Morgen mitzunehmen. Toll! 

Um den ersten Tag ein wenig abzukürzen: Nach den ersten 9 Kilometern meldeten sich unsere Füße zu Wort und verlangten eine Pause. Der Fluss unterhalb des Dumgoyach bietet dazu, entlang der unzähligen Schafweiden, beste Gelegenheit. Die ganz Wilden unter euch können natürlich auch noch 3 Km weiterlaufen und sich in Dumgoyne mit Snacks und Drinks versorgen. Doch Endstation ist dort für den heutigen Tag noch nicht. Wenn ich ehrlich bin, rückblickend betrachtet und im Vergleich mit den folgenden Etappen, ist der erste Teilabschnitt des West Highlands Way ein schöner Türöffner für einen Einblick in schottische Kulturlandschaften. Mehr aber auch nicht.

Gegen Ende des Tages ist der 39Km lange, 190m tiefe und mit 71Km² größter See Schottlands in Sicht, der Loch Lomond. Drymen links liegen lassend machen wir uns in den High Woods, nördlich des kleinen Örtchens, auf die Suche nach einem geeigneten Schlafplatz.Wir kommen zu einem Parkplatz, der mitten im Wald liegt. „Ganz nett, aber das geht bestimmt noch schöner!“ Zwar angeschlagen, aber hochmotiviert den schönsten Schlafplatz der Gegend zu finden gehe ich noch ein paar Hundert Meter alleine weiter, drehe dann aber doch schnell wieder um und kehre zurück zur lichten Stelle im Wald nahe des Parkplatzes.

Was besseres kommt dann eben meist doch nicht. Nach eine lecker angerührten Packung Instantnudeln und einer Tasse „Heiße Zitrone“ kriechen wir an diesem ersten Tag erschöpft, aber glücklich in unsere warmen Schlafsäcke und lassen uns von einer nahegelegenen Kuhherde in den Schlaf muhen.


Tag 2: Drymen, Garadhban Forest – Lochan Maol Dhuinne (19,5Km)

Wo sind wir denn jetzt?!

Oh, mir fallen hunderte Überschriften ein, die diesen Tag trefflich beschreiben würden: „Wir müssten gleich da sein“, „Der Ross Point liegt hinter uns… oder?“, oder „Illegales Zelten – wenn nicht jetzt, wann dann?“

Beginnen wir mit dem angenehmeren Teil. Wir, das sind Jule, Martin (mit dem wir gemeinsam einen Teil des WHW wanderten) und ich, bauen am frühen Morgen unsere Zelte ab und machen uns auf dem Weg zum Conic Hill. Schon vor dem Aufsetzen der Rucksäcke wird uns bewusst wie strapaziert unsere Hüften sind, trotz superduper Tragesystem und Wund- und Heilsalben. Aber vollkommen klar, wenn man bedenkt, dass unsere Körper solche Belastungen nicht gewohnt sind. Dieser Conic Hill ist die Tagesattraktion schlechthin. Im immer dichter werdenden Verkehr aus Fernwandern und Tagesausflüglern mit leichten Rucksäcken, nein Rucksäckchen, wird die Sorge in mir groß, dass wohl jetzt all meine Befürchtungen wahr werden würden: Der West Highland Way mutiert zum West Highway, wie schon auf einschlägigen Websites prophezeit. Vor allem im Sommer würden sich die wandernden Rucksacktouristen karawanenmäßig aneinanderreihen! Nun, ganz so schlimm ist es nicht, enttäuscht bin ich an diesem Vormittag dennoch. Schließlich gehe ich in die Natur um Natur zu sehen. Oben angekommen laufen wir ein paar Meter unterhalb des Gipfels den Schotterweg entlang und das Rätsel der Menschenmassen löst sich. Die Aussicht auf den Loch Lomond ist wirklich sagenhaft schön. Berg ab kommen wir nur langsam voran, wir beide haben starke Schmerzen. Werden wir schon am zweiten Tag unsere Reise beenden müssen? Nein natürlich nicht. Circa 200 Höhenmeter talabwärts machen wir eine etwas ausgedehntere Pause und genießen den Blick auf den See, ziehen die Jacken aus, essen eine Kleinigkeit. 30 Minuten später, am Fuße des Berges, füllen wir im Visitor Center unsere Trinkflaschen auf, leeren sie aber gleich wieder, da das Wasser so komisch braun ist. Egal, die nächste ausgeschriebene Trinkwasserstelle kommt in der Nähe von Arrochybeg, rund 3Km weiter.

Blick vom Conic Hill

 

Der Loch Lommond, muss man wissen, ist weitestgehend Teil der „Camping Management Zone„, da dieser Mitten im Trossachs Nationalpark liegt. D.h., dass das wilde Campen entlang des Sees verboten ist. Wer dennoch wild zelten möchte, muss sich Online für ca. 3 £ eine Erlaubnis einholen. Mit dieser darf man dann eine Nacht in einer der ausgeschilderten „Permit Area“ sein Zelt aufschlagen. Wer sich nicht daran hält, muss mit einer Geldstrafe rechnen. Sonst ist das Zelten aber in den allermeisten Gebieten Schottlands gebührenfrei erlaubt, Privatgrundstücke ausgenommen.

Ein paar Stunden später. „Haltet mal an, wir müssten schon längst da sein!“ Wir sammeln uns um die Karte und laufen den Weg mit dem Finger ab. Der sogenannten Ross Point sollte schon längst hinter uns liegen, Rowardennan vor uns und 1,5Km dahinter unsere „Permit Area“, der Ort wo wir unser Zelt aufschlagen würden. Eigentlich. Mit Schrecken müssen wir feststellen, dass wir den Ross Point wohl eben erst verlassen haben. Das würde bedeuten, dass noch rund 4,5Km vor uns liegen. Unmöglich das vor Dunkelheit zu schaffen. Also halten wir nach versteckten Zeltplätzen Ausschau und philosophieren eingehend über sämtliche „Was wäre wenn“-Konstellationen. Und plötzlich eine halbe Stunde später, ich noch leise über meine Kartenlesekunst fluchend, war es da! Ein Schild mit der Aufschrift „Lochan Maol Dhuinne“, unsere Permit Area. „Hä?!“ bricht es aus uns heraus und wir verstehen die Welt nicht mehr. In der Beschreibung der Permit Area steht eindeutig geschrieben, dass diese ungefähr 1,5Km nördlich von Rowardennan liegt. Nach langem hin und her, Kompass hier Karte da, finden wir heraus: Die auf der Website angegebene Info ist schlichtweg falsch. Nicht 1,5km nördlich, sondern  1,5km südlich von Rowardennan liegt dieser wunderbare Zeltplatz. Gut zu wissen. Die Herzen um drei Steine leichter und die Mägen um drei Kilo schwerer (okay, Gramm trifft’s eher), hat dieser Tag glücklicherweise nur ein Ende mit Schrecken.

Zelten in der Permit Area

 

 


Tag 3: Lochan Maol Dhuinne – Creag an Fhithich (17km)

And it burns, burns, burns…

Sehr spät, nämlich erst am Vormittag verließen wir an diesem Tag den Zeltplatz mit dem unausprechlichem Namen Lochan Maol Dhuinne. Es weht ein angenehmer Wind und die Sonne wärmt uns den Rücken. Unterwegs ernähren wir uns von Brombeeren, welche wir jetzt übrigens schon die letzten beiden Tage für unser Frühstück sammelten. Der Tag bringt keinerlei böse Überraschungen, im Gegenteil. Das beständige leichte auf und ab entlang des Seeufers auf einem schmalen Pfad hat etwas meditatives. In dem vom Zeltplatz mit dem unaussprechlichem Namen, 12km entfernten Inversnaid lädt ein kleines Info-Center der Parkranger zum Auffüllen der Trinkflaschen ein. Der Weg am See ist durch die rutschigen Steine und Wurzeln teils etwas anspruchsvoller als gedacht und auch die ständigen Auf- und Abstiege zehren an den Kräften, ist aber ein wunderschöner Abschnitt des WHW. Am frühen Abend schon beschließen wir unser Zelt (diesmal ohne Martin) an einem Kiesstrand gegenüber der Insel „I Vow“ aufzubauen und uns etwas zu Essen zu kochen. Alles war perfekt… zu perfekt. Denn während der Kochzeit unserer leckeren Instantnudeln, hatte es begonnen zu Regnen. Panisch renne ich mit dem dampfenden Topf in der einen und mit dem noch heißen Kocher in der anderen Hand zum Zelt, schlage das Vorzelt auf und reiche den Topf in’s Trockene. Dumm nur, dass die Tür wieder zuklappt. sich der glühende Kocher in’s Zeltgewebe brennt und ein ca. 2x2cm großes Loch hinterlässt. Verärgert aß ich meinen Teller Nudeln und dementsprechend kurz fiel der Logbuch-Eintrag des Tages aus.


Tag 4: Creag an Fhithich – Auchertyre (23,5km)

Zwei Tomaten, ein Stück Käse

Heute verlassen wir schon um 7 Uhr unsere warmen Schlafsäcke, damit wir die wenigen Kilometer, die wir gestern durch unseren späten Start verloren haben wieder einholen können. Doch zuvor will ich ein paar Fotos schießen: Die Insel Vow liegt direkt vor uns und ich hatte sie schon am Abend zuvor im Visier. Das Licht war okay, aber nicht überwältigend; die Bilanz heute… nicht viel besser. Trotzdem eine tolle Insel die sich lohnt fotografiert zu werden!

Der Morgen läuft nach dem gleichen Programm ab wie die Tage zuvor auch. Einer bleibt im Zelt, verstaut Schlafsäcke und Isomatten, während der andere das Porridge mit den Beeren aufsetzt; diesmal mit frischem Wasser aus dem See. Nach einem schnellen Frühstück, dank der lästigen Midges, packen wir unser Zelt und finden uns kurze Zeit später auf dem Pfad weiter Richtung Norden wieder.

 

Wow, wie schnell wir unterwegs sind. Nach ca. 5km lassen wir das Seeufer hinter uns und machen kurzen Rast auf dem Campingplatz Beinglas Farm, in der Nähe von Inverarnan, um unsere Wasserräte aufzufüllen. Gemäß der offiziellen Route wäre hier auch das Ende der dritten Etappe. Ich persönlich würde aber denen die mit Zelt unterwegs sind empfehlen, in einer der Permit Areas entlang des Sees zu campen, ist günstiger und schöner. Jedenfalls findet mit dem Ende des Loch Lomonds auch ein Wechsel der Landschaft statt. Jetzt dominieren die sattgrünen Hügel und Berge, die Flüsse und Moorflächen. Bei Kilometer 72 folgen wir dem Weg durch eine Unterführung und gelangen auf einen breiteren Schotterweg der mitten durch eine Vielzahl an Schafweiden führt, immer wieder unterbrochen durch matschige Passagen, die die Schafe in den Boden trampeln. Da ist schonmal der ein oder andere Hechtsprung nötig, um dem Schlam(m)assel zu entgehen. Ab und an knabbern wir an unseren „leckeren“ aber nahrhaften Energy Cakes, die uns mittlerweile zu den Ohren raushängen. Es gibt sie in allen denkbaren Geschmacksrichtungen von denen sich allerdings nur der Cranberry Riegel von den anderen etwas abhebt. Gourmetverwöhnte Zungen würden dem Genuss dieser Energy Cakes wohl eher noch Müsli mit Wasser vorziehen, als auch nur einen Bissen mehr davon nehmen zu müssen. Müsli. mit. Wasser.

Im Waldstück oberhalb des Örtchens Crianlarich… Mist an dieser Stelle des Tagebucheintrags war die Patrone meines Kugelschreibers leer. Wie auch immer. Nach Crianlarich muss man nur hinabsteigen, wenn man dort entweder übernachten möchte oder seinen Essensvorrat auffüllen möchte. Zwei Wanderer, die wir auf dem Campingplatz bei Inverarnan getroffen hatten machten den Fehler und stiegen den teils sehr steilen Weg hinunter in das 1km entfernte Örtchen. Dann verweilten sie einen Moment um den einen Kilometer wieder steil hoch zurück in den Wald zu steigen. Was ich damit sagen will: der Abstieg hinunter in’s Tal ergibt keinen Sinn.

Im Wald fühlt man sich als sei man Teil einer schottischen Sage. In Gedanken laufe ich mit Axt und Zwergenmütze über die moosbedeckten Wurzeln, pflücke Pilze und halte nach dem bösen Drachen Ausschau, während ich mir mit der linken Hand ein Stück meines Energy Cakes in den Mund stopfe. Mmmm, da ist er wieder, dieser Moment in dem ich mich nach frischen Obst und Gemüse sehne. Schnell melden sich noch andere Sorgen zu Wort. Sie sind geschwollen und stinken – Richtig! Meine Füße. Teilweise gibt es sehr steile Stellen im Wald, was für meine Füße der absolute Horror bedeutet. Es fühlt sich so an als würden meine Zehen an akuter Blutarmut leiden und ich male mir schon aus, was am nächsten Morgen in der Lokalzeitung stehen würde. „Abgestorbene Zehen von Pilzsammlern im Wald entdeckt!“ Wie auch immer, ich will das garnicht weiter vertiefen. Auf irgendeine Weise gelingt es uns den Wald mit all unseren Zehen zu verlassen und wir schaffen es sogar zu dem noch 2km entfernten Campingplatz zu gelangen. Ja, heute bleiben wir auf einem Zeltplatz, da die Gegend für wildes campieren doch eher unfreundlich gestaltet war. Zu viel Nass, zu viele Schafweiden, zu steil oder, das war der eigentliche Grund, ein wunderschön gelegener Campingplatz mit Duschen und Farmshop. Überzeugt! An diesem Abend decken wir uns mit zwei frischen Tomaten, einem Stück Käse und sechs labberigen Brötchen ein. Ein Gedicht!


Tag 5: Auchtertyre – Victoria Bridge (20km)

Feuchtgebiete

Platsch! Ein kühler Wassertropfen reißt mich aus dem Schlaf. Ich schaue mich um. Mir fällt auf, dass das gesamte Innenzelt von einem feinen Netz aus Tröpfchen bedeckt ist. Schnell kommen Zweifel in mir auf, dass der Kauf des teuren Zeltes ein Reinfall war, doch ein Blick aus dem Zelt erklärt alles. Die Felder, die Schafe, die Gebirgskette am Horizont, alles wurde von dichtem Nebel verschlungen. Das Aufstehen fällt mir heute besonders schwer, da sogar mein Schlafsack feucht ist und ich es hasse wenn morgens alles klamm und nass ist. Glücklicherweise löst sich der Nebel mit steigendem Sonnenstand immer mehr auf und wir können unsere Brötchen mit dem leckeren Käse bei strahlend blauen Himmel genießen.

4 Stunden später. Wieder sind wir schnell unterwegs. Jules Achillessehne, meine beiden Blasen an den Füßen. Alles nur purer Schmerz. Doch das Ziel den WHW zu schaffen und die sagenhafte Landschaft treiben uns an. Wenn man Tyndrum verlässt, geht es auf einer breiten Schotterstraße weiter Richtung Norden. Leider hat man die viel befahrene Hauptstraße A82 und die Bahnschienen immer im Blick und auch die Geräuschkulisse ist nicht unbedingt das gelbe vom Ei, was unsere Begeisterung für diese wunderbare Landschaft allerdings nicht mindert. Zudem hupen uns die Menschen aus den Autos zu und sogar eine Hand voll Bahnarbeiter die soeben ihre Arbeiten an den Schienen verrichten winken uns freudig zu. Ein Gefühl, an das man sich gerne auch in Deutschland gewöhnen möchte. Zugegeben, der Abschnitt zwischen Tyndrum und Bridge of Orchy ist schön, aber atemberaubender ist der Blick, wenn man auf dem Mam Carraigh, rund 200 Höhenmeter oberhalb von Bridge of Orchy steht und eine windige 360° Aussicht auf den Loch Tulla und das ihn umgebende Hochland werfen kann. Wir verlassen den Ort und wandern hinab in’s Tal, am Inveroran Hotel vorbei noch einen Kilometer weiter zu einer kleinen Steinbrücke, die Victoria Bridge. Hier findet man auf jeder Uferseite ein, zwei gute Zeltplätze, direkt am Wasser. So endet der heutige Tag bei Kilometer 101 mit (selbstverständlich) Instantnudeln und einem bezaubernden Sonnenuntergang, ehe wir zurück in unsere Schlafsäcke hüpfen.


Tag 6: Victoria Bridge – Kinlochleven (28km)

Die spinnen, die Schotten!

Als ich gegen 7:30Uhr zum Zelt zurückkomme, ich war bereits fotografieren, warten schon die Midges und stürzen sich auf mein Gesicht um mich aufzufressen. Schnell zippe ich den Reißverschluss des Zeltes auf und bringe ein paar der lästigen Mücken mit ins Zelt. Damit macht man sich keine Freunde! Meine Schuhe sind durchnässt, da ich eben ungefähr 400m über eine Wiese hin zu meinem Motiv laufen musste, doch der Aufwand hat sich gelohnt. Zufrieden schäle ich mich aus der Regenhose und wir besprechen unser weiteres Vorgehen. Frühstück, bei dieser Mückenplage, unmöglich. Also beschließen wir einstimmig das Zelt abzubauen und auf schnellstmöglichen Weg weiter Richtung Black Mount zu gehen. Fluchtartig lassen wir die Victoria Bridge auf einer alten, um 1300 erbauten Handelsstraße, hinter uns und kommen in eine Gegend die wir Mondlandschaft taufen, welche unseren stürmischen Aufbruch schnell vergessen ließ. Leichter 30-Sekunden Regen wechselte sich mit kuhfleckenartigen Sonnenfenstern ab. Und dann plötzlich, wie aus dem nichts ist wieder alles verhangen. Es ist ein wunderbar ruhiger Ort hier oben, so ohne Straßen und Häuser. Entlang des Weges reihen sich Moorgräser an eingestreute Felsflächen, immer wieder durchkreuzt von kleinen und mittelgroßen Pfützen, Seen, Flüssen und Bächen.

Der Magen knurrt laut und wir beschließen im 1,5km entfernten Glencoe Mountain Ressort eine wohlverdiente, ausgedehnte Pause zu machen, weil sich unterwegs keine Möglichkeiten ergaben zu frühstücken. Dazu war es einfach zu ungemütlich. Glencoe Mountain ist eines dieser typischen Skigebiete, natürlich mit Lift, Riesenparkplatz, Kaffee und deftigem Essen. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen und probiere das von Vielen erwähnte schottische Nationalgericht „Haggis“. Es heißt man würde es entweder lieben oder hassen. Ich reihe mich da eher in die Gruppe der „Ist nicht schlecht, aber auch nicht gut“ – Sager ein. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass es sich um Schafsmagen und andere Innereien handelt. Dafür ist es dann doch erstaunlich gut. Naja. 

Ganze drei Stunden verbringen wir damit bei einer Dose Fanta und einer heißen Schokolade im warmen zu sitzen, nach draußen zu schauen, aber auch um über den weiteren Verlauf unserer Reise zu diskutieren. Größtenteils durch die Schmerzen bedingt beschließen wir die Idee vom East Highland Way an den Nagel zu hängen. Nochmal 132km extra? Für uns unvorstellbar.

Unser heutiges Etappenziel Altnafeadh, 6km vom Mountain Ressort entfernt, liegt unterhalb des Devil’s Staircase, der steilsten Passage des gesamten West Highland Ways. Als wir gegen 16 Uhr am Fuße des Berges ankommen folgt Ernüchterung. Weit und breit keine Möglichkeit sein Zelt aufzubauen. Der Untergrund ist mal wieder viel zu hügelig und voller Pfützen. Wir beißen also in den sauren Apfel und schieben uns schwitzend durch die Serpentinen des Devil’s Staircase nach oben. Zwei freundliche Schotten, die wir zu Beginn am Fuße des Berges treffen, wünschen uns atmungsaktive Kleidung während sie sich die Lungen kurz vor dem Anstieg mit Zigarettenrauch vollpumpen um nochmal kurz „Energie“ zu tanken. Und als wäre der Wahnsinn nicht schon genug, werden wir von einer routinierten Joggerin mit Hund überholt, dem die Zunge im wahrsten Sinne des Wortes schon zum Hals raushängt. A-ha! („Die spinnen, die Schotten!“ – Zitat eines berühmten Galliers)

Zur allgemeinen Überraschung brauchen wir für die gefürchtete „Treppe des Teufels“ knapp 26 Minuten und WOW! was für eine Aussicht. Sagenhaft! Gewaltig! Einfach ganz große Klasse. Den höchsten Punkt erreicht man bei rund 600m. Ehrfürchtig schweift der Blick durch das vor uns liegende Tal. Gewaltige Wolken schieben sich über die grünen Riesen und tauchen die Landschaft in mystisches Licht. Beflügelt laufen wir einfach weiter, sogar bis hinunter in’s Tal nach Kinlochleven wo wir uns, erneut auf einem Campingplatz, erschöpft und zufrieden in die Arme der (wirklich) heißen Duschen werfen. Am Abend im Zelt reiben wir unsere geplagten Füße mit Hirschtalg ein (sehr zu empfehlen) und fallen kurz darauf in tiefen, wohligen Schlaf.


Tag 7: Kinlochleven – Fort William (23km)

Schrei vor Glück!

Ich liege im Schlafsack und starre mein Notizbuch an. Nach einer zehnminütigen Kunstpause klappe ich genervt das Buch wieder zu und ziehe an der Kordel meines Schlafsacks. Zu groß war mein Ärger über den nassen Ausgang dieses Abenteuers.

Doch zurück zum Anfang. Auf dem Programm steht die letzte Etappe des Fernwanderwegs. 23km von Kinlochleven nach Fort William. Es beginnt alles sehr entspannt. Das Zelt blieb diese Nacht einigermaßen trocken und die Sonne bricht diesen Morgen ab und zu durch die Wolken. Nachdem wir unsere Sachen gepackt und unser alltäglich vorzügliches Frühstück, diesmal durch zwei auf dem Campingplatz zurückgelassene Bananen aufgewertet hatten, geht es los auf die letzten Kilometer in die 5000 Einwohner Stadt. Im Vergleich zu den vorherigen Etappen kommen auf diesem Abschnitt die „Wows“ und „Uuiis“ etwas seltener vor. Der Weg zieht sich und die Aussicht bleibt für unsere verwöhnten Augen relativ lange Zeit dieselbe. Trotzdem erlebt man gerade in den ersten 10-12km noch einmal die typischen Highlands mit ihren grünen Bergen, Ruinen und Schafen. So ungefähr ab Kilometer 13 wandert der Blick über traurig anmutende Kahlschläge. Die Forstwirtschaft hier in Schottland macht eben keine halben Sachen. Auf einem Schild wird erklärt, warum die Forstarbeiter systematisch Haufen abgesägter Äste und Totholz auf den den Feldern zurücklassen, nämlich um den Wald so natürlich wie möglich zu halten. Davon kann man nun halten was man möchte, ich persönlich sehe die Abholzung kompletter Waldabschnitte sehr kritisch.

Oft haben wir an diesem Tag das Gefühl nicht voranzukommen. Das liegt vermutlich daran, dass wir die Teilabschnitte unserer Etappe meist schon lange vor Erreichen am Horizont erblicken. Hat man das Totholz durchquert gelangt man auf einer breiten Forststraße allmählich hinunter in das Tal. Endlich, Fort William ist in Sicht. Rund 6km läuft man bergab durch den Wald, und diese 6km haben es wirklich in sich. Nicht aufgrund der Beschaffenheit des Weges, sondern vielmehr deshalb, weil man sich fragt warum das Ende des WHW nicht auch auf einem der Gipfel hätte sein können. Stattdessen läuft man leider 4km über harten Asphalt die Hauptstraße entlang. Unsere Motivation sinkt so kurz vor dem Ziel. Der Drang endlich am Ziel zu sein steigt. In Fort William angekommen nimmt der Regen immer mehr zu. Die letzten 500m führen uns durch eine Fußgängerzone und plötzlich stehen wir an unserem Ziel. Ein alter Mann der sich die Füße reibt. Eine Skulptur auf einer langen Bank sitzend markiert das offizielle Ende des West Highland Ways. Erschöpft brechen wir in Freudetränen aus – nein quatsch. Aber überglücklich und nass hiefen wir uns in den nächsten Pub und genießen unser wohlverdientes kühles Bier. Und Martin? Der hat’s auch geschafft, war aber ein wenig schneller unterwegs.

Aber woher nun der Ärger am Anfang dieses Abschnitts? Das lief so: Wir hatten überlegt die letzte Nacht in einem Hostel zu verbringen. Bedingt durch die Mondpreise (28£ p.P. im Mehrbettzimmer) fassten wir jedoch schnell den Entschluss unser Zelt auf dem Cow Hill, dem Hausberg Fort Williams, aufzuschlagen. Ausgerechnet an diesem letzten Abend setzte starker Regen ein und dieser in Verbindung mit den abertausenden Midges, die sich in unsere Haut fraßen, ließen meinen Puls auf 180 steigen. Es war als gäbe es soetwas wie einen Gruß des schottischen Wettergottes:“Glückwunsch ihr habt es geschafft. Hier, 100l Regen für Euch!“. Geplagt von den Midges und müde vom letzten Tagesmarsch hielt ich meinen Notizblock und Stift schreibbereit in der Hand, machte eine zehnminütige Kunstpause, ehe ich meinen Schlafsack zuzog und schlief.


Schlusswort.

Viel gibt es nicht zu sagen. Ich kann den West Highland Way wirklich uneingeschränkt empfehlen! Die gewählte Reisezeit (Ende August) war, wie ich finde perfekt. Kaum Regen, wenig Touristen und noch nicht zu kalt. Für uns war es der erste Weitwanderweg überhaupt und er eignet sich hervorragend als Einstieg in die große Welt der Fernwanderwege. Er ist immer gut ausgeschildert, verlaufen kann man sich hier mit Sicherheit nicht. Eine Karte würde ich dennoch empfehlen, einfach um sich die Wege einteilen und vorausplanen zu können. Und da wäre noch etwas: macht nicht den gleichen Fehler wie wir und plant mehr als eine Fernwanderung ein. Ursprünglich hatten wir ja vor, im Anschluss an den WHW noch den East Highland Way zu laufen, was dann, bedingt durch Gesundheit und Motivation, einfach nicht mehr möglich war. Deshalb hatten wir uns geschworen: ein Urlaub, ein Fernwanderweg. Das reicht dicke!


Hilfreiche Links & Erfahrungsberichte anderer

Allgemeine Informationen

Fernwanderwege Schottlands – sehr zu empfehlen!

Loch Lomond – Camping Management Zone

Schottischer Wetterbericht

Wo ist die nächste Schutzhütte?

Ein paar nützliche Tipps von wetraveltheworld

Blogs:

Sascha Weigel

Heiko & Tobias


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Mehr Fotos findest du wie immer auf Instagram und Facebook.

 

 

 

5 Comments

  1. Tanja Fischer

    Toller Bericht, freue mich jetzt schon auf meine eigenen Blasen und wehe Knie🤣🤣. LIEBE Grüsse

    • Lieben Dank für deinen Kommentar! Ein gutes Sortiment an Wund- und Heilsalben ist auf jeden Fall empfehlenswert. Alles Gute für deine Reise 🙂

  2. Toller Reisebericht, musste ein paar mal schmunzeln 🙂 aber die KM-Angaben sind erheblich zu gering. Wir sind 01.-08. (2018) September den WHW gelaufen und haben festgestellt, das z.b. die letzte Etappe von Kinlochleven nach Fort William über 30Km waren… Auch hast du galant die strapazen weg gelassen. Gerde diese etappe ist das heftigste gewesen, was wir auf dem whw erlebt haben. von kinlochleven ging es gleich zum anfang steil hoch. nach den berühmten ruinen hattest du dann nochmal 3 heftige an- und abstiege, bevor es dann die 6km den letzten berg hinunter ging… und? schon den nächsten tripp geplant? Wir wollen als nächstes von fort william nach inverness 🙂

    • Lieber Gunnar,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Die Kilometerangaben entstammen aus der Wanderkarte des Harvey-Verlags, per GPS Tracker oder Google habe ich diese nicht nachgeprüft, es kann aber gut sein, dass die KM etwas variieren :).
      Für uns persönlich war der schwierigste Anstieg „Devil’s Staircase“. Das liegt vermutlich daran, dass wir diesen Abschnitt relativ spät am Abend bewältigt hatten; sind ja an diesem Tag von Victoria Bridge nach Kinlochleven gelaufen. So hatten wir am nächsten Morgen eher noch die abendlichen Strapazen im Kopf, was den ersten Anstieg relativ harmlos erscheinen ließ. Die letzten Auf- und Abstiege habe ich nicht erwähnt, weil ich sie aus rein subjektiver Sicht nicht als allzu anstrengend empfunden habe. Nur eben das letzte langgezogene Stück bergab durch den Wald.
      Konkret haben wir demnächst keine wanderung geplant, nächstes Jahr aber bestimmt. Ich vermute mal ihr seid auf dem Great Glen Way unterwegs. Viel Spaß dabei und gutes Wetter 🙂

  3. petra schwarz

    Hey Jordan, voll MEGA dein erfahrungsbericht. Besser als jeder Reiseführer . an dir ist ein schriftsteller geboren. freu mich auf mehr von dir. adios Peppa

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